Dienstag, 23. Juni 2015

Zehn Songs von Eins Zwo, die man gehört haben sollte.

Neo Magazin Royale ist die TV-Sendung der Stunde im deutschen Fernsehen. Das liegt natürlich hauptsächlich an Jan Böhmermann und der Redaktion, die immer wieder originelle Ideen haben, die oft aufklärerischen oder popkulturellen, aber sicherlich immer einen pointierten Charakter haben und damit eine kleine Revolution innerhalb der doch recht festgefahrenen Televisionsmaschinerie darstellen. Einen kleinen Teil trägt hierzu auch der musikalische Leiter der Sendung, Dendemann bei, der zusammen mit der Show- und Hausband "Freie Radikale" zwischen den Aktionen kleine Perlen der Musikunterhaltung liefert. In seinen Texten bereitet er dabei hochkreativ ein Thema der vergangenen Woche auf und rappt dabei so locker über die Beats, dass es nicht nur zum Nachdenken und Zuhören, sondern auch zum Kopfnicken anregt.

Das Dendemann schon ein alter Hase im Rap ist, weiß eine neue Generation von Raphörern vielleicht gar nicht mehr. Deswegen will ich hier ein paar Perlen seiner früheren Gruppe Eins Zwo auflisten, die die viel beweinte Golden Era des Ende Neunziger / Anfang 2000er Deutschrap stark geprägt und nach vorne gebracht hat. Dendemann gilt als einer der besten Techniker in Sachen Reimen, erzählte ganz eigene Storys und transportierte eine gelassene Weltansicht, die sich durch gute Flows schnell auf den Hörer übertrugen. Er war dabei der einzige Rapper der Gruppe, die außer ihm noch aus DJ Rabauke, der vorher DJ bei Fettes Brot war, bestand. Hier zehn Songs der Gruppe, die man bei intensivem Anhören als wahre Diamanten erkennen wird.

10. Ich so, Er so



Von der "Sport EP", das als Demo verschickt und später überarbeitet auf den Markt gebracht wurde. Ein Song, der heute als der Klassiker schlechthin von der Band gilt. Ich mag ihn selbst nicht so unbedingt, weil der Flow noch etwas holprig ist und es so schwer wird, der eigentlich genialen Story zu folgen. Der Beat ist auch sehr minimal und etwas gewöhnungsbedürftig. Aber die wunderbaren Wortspiele und der Hang zu bisher ungehörten eigenen Geschichten von Dendemann werden auch hier schon sichtbar.

09. Hand aufs Herz



Heute auch ein Klassiker. Nicht zuletzt wegen dem Video, dass die Talkshowkultur in den USA parodiert. Auf den Song wurde sowohl in der Rap-History von Böhmermann und Dendemann zusammen mit Anke Engelke, als auch in verschiedensten anderen Rapsongs referenziert. Sehr cooler Beat, Torch- Cuts und einprägsame Zeilen. Der Song stammt von ihrem heute wie damals viel beachteten Werk "Gefährliches Halbwissen", welches als Instant Classic gilt.

08. Schön, daß es euch gibt



Einer der großen Storyteller von Eins Zwo. Dendemann im Rap-Altenheim, vergessen von den großen Helden wie Max Herre, Smudo oder Afrob. Dahinter versteckt sich eine Huldigung vor der damaligen Rapszene, leise Selbstzweifel und ein Hang zur Selbstironie. Man sehnt sich nach alten Zeiten und ist froh, dieses Stück hören zu können, das die Stimmung der Zeit bestens einfängt. 

07. Undsoweiter

Ein Song mit "Kopf Hoch Bruda" Message. Aber hier wird nicht in Selbstmitleid versunken, sondern dem Zuhörer sowohl im Text als auch im Beat in den Arsch getreten, um auf seiner Suche nach Lebenssinn voranzukommen. Immer locker und mit Wortwitz. Super Motivationssong. Vom zweiten und letzten, von Jazz-Samples durchtränkten Album "Zwei" aus dem Jahr 2001.

06. Rechte Dritter

Rap ist voll mit Zitaten und Samples. Darum wird der Kultur manchmal Klauerei vorgeworfen und das kann auch rechtliche Konsequenzen haben. Das es aber kein plumpes Recycylen von bereits erfolgreichen Songs bedeuten muss, sondern der Künstler dadurch seinen eigenen Charakter besser darstellen kann, seine Einflüsse zeigt und mit seinen eigenen Stilen verknüpft, stellt Dendemann hier klar. 

05. Unschuld vom Lande



Einer der persönlichsten Songs von Eins Zwo und Dendemann, wo er sehr unverblümt über seine Situation spricht, auf einem wunderbar verträumten melacholischen Instrumental. Ein junger Typ, der im Zug sitzt und von seiner Heimat spricht, die ihm fremder wird. Immer am Pendeln zwischen Heimat und Musikerkarriere, alte Freunde und neue Bekannte. Aufstrebender Rapper versus Unschuld vom Lande.

04. Schon unterwegs



Jazziges entspanntes Instrumental. Perfekt für den Sonntag Nachmittag. Dende sehnt sich nach Zweisamkeit und ist im Begriff eine nicht näher genannte Person zu besuchen um zu schnacken und Tourvideos zu gucken. Wunderbare Atmosphäre, die jedem ein Lächeln aufs Gesicht setzt.

03. Ey Du


Vor jedem Sonntag Nachmittag steht ein Samstagabend im Club, in dem man abspacken und trinken will. Doch da stören die Aggrotypen, die Stress ohne Grund machen wollen. Dende plädiert für mehr Respekt und erhebt die Stimme für alle friedfertigen vernünftigen Menschen und ein bisschen auch für die Freaks und Außenseiter. Denn dein Mittel- und mein Zeigefinger würden Peace ergeben. Dazu ein echt clubtauglicher Beat und ein stark nach vorn gehender Kehrreim.

02. Tschuldiung



Nach fünf Songs vom Album "Zwei" ist das hier eine echte Rarität von der Vinylsingle "Weltretten 4-/ Tschuldigung", die nur auf Tour und im Shop verkauft wurde. Meiner Meinung nach der beste Beat, den Eins Zwo sich je vorgeknöpft haben. Wunderbares Sample, sehr verträumt. Die Lyrics wieder ein bisschen komplizierter, aber auch voller Wortwitz und technisch versierten Rapskills. Ich sag schon nicht mehr Hallo. Ich sag immer erst Entschuldigung.

01. Die Oma aus dem 1. Stock



Für mich der beste Song der Band. Super Songidee, super atmosphärischer Beat und hohes raptechnisches Niveau. Der junge MC hockt trotz Touren und Studiosessions nachts allein zu Haus, ein Stockwerk über ihm wohnt eine ältere Frau. Beide leben aneinander vorbei und doch sorgt er sich um sie und sie wird nachts mit seinen Beats beschallt. Eine kleine Geschichte, die vieles offenbart. Dieser Song vereint die höchste Wort- und Beatkunst, für die Eins Zwo so geliebt wurden.

Das ist nur eine kleine Auswahl, die der Band niemals in ihrer Gänze gerecht wird. Weitere Hits sind "Technique", " Danke gut", "Weltretten 4-", " Liebes Logbuch", "Discjockeys" und eigentlich jede andere lyrische Offenbarung der Band. Insbesondere von Dendemann, der auch danach und bis heute lyrische Raffinessen unter Beweis stellt, wie zur Zeit etwa bei Neo Magazin Royale.

Dienstag, 19. Mai 2015

Ich vertraue deinem Text

Wissenschaftliche Arbeit baut in großen Teilen auf den Errungenschaften früherer Überlegungen auf. Der Grund dafür ist, dass diese Errungenschaften Anknüpfungspunkte aufweisen, die dazu genutzt werden können, die eigene Forschung sowohl glaubwürdiger zu gestalten als auch sie einer bestimmten Argumentation zuzuordnen. Als Leser hat man in diesem Moment die Sicherheit, dass geäußerte Vermutungen durch mehrere Untersuchungen zustande gekommen sind und nicht einfach nur aus der Luft gegriffen werden. Das ist besonders wichtig, wenn es darum geht, fassbare Ergebnisse zu liefern.

Und hier wird es schwierig. Viele unserer übergeordneten Konzepte in den Geisteswissenschaften besitzen nicht unbedingt fassbare Ergebnisse, sondern sind abstrakte Gebilde, die fassbare Ergebnisse strukturieren sollen. Thesen über die richtige Erziehung, ein angenehmes Zusammenleben in der Gruppe oder das beste politische System werden von so vielen Variablen beeinflusst, dass genaue Analysen nicht möglich sind, da sich die Ergebnisse bereits wieder verändert haben, wenn wir dazu übergehen wollen, sie anzuwenden.

Die verschiedenen Erfahrungen der Menschen sind aber auch bei der Geschichts-, Literatur- und Sprachwissenschaft dafür verantwortlich, dass unsere Vorstellungen untereinander auseinanderklaffen. Sobald eine Abstraktion ins Spiel kommt, stehen wir vor dem Problem, dass wir zu wenige oder zu viele Informationen haben, um unsere Einschätzung zu rechtfertigen. Wenn wir zu wenige Informationen von einem Thema besitzen, erscheint es fragwürdig, darüber Aussagen zu treffen. Wenn uns allerdings zu viele Informationen zur Verfügung stehen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass wir sie verfälschen, weil wir die Informationen möglicherweise auf eine gewisse Weise interpretieren und diese Interpretation alles andere überschattet.

Dennoch gelten Verweise auf andere Werke als Qualitätsmerkmal geisteswissenschaftlicher Arbeiten. Ich möchte das auch gar nicht so stark kritisieren. Mir ist die Wichtigkeit von Quellen bewusst und ich profitiere in den meisten Fällen davon, weil mir weitere Ansatzpunkte aufgezeigt werden. Ich weiß nur nicht, wie ich damit umgehen soll, wenn ich eigene Vorstellungen entwickle, die ich nicht bestimmten Büchern, Vorträgen oder anderen Menschen zuordnen kann. Soll ich nun solange Quellen lesen, bis jemand meine eigenen Ansätze bringt, sodass ich mich dann auf diese beziehen kann? Das erscheint mir schwierig.

Mein bisheriger Ansatz besteht darin, meine Überlegungen aufzuschreiben und sie durch bereits belegte Konzepte und klar definierte Alltagserfahrungen abzusichern. Aber ist es notwendig, Quellen für die Funktionsweise der Schwerkraft oder der Evolution anzuführen? Muss ich nachweisen, dass das Mittelalter existiert hat, wenn ich es wissenschaftlich als Anknüpfungspunkt auswähle? Muss ich dann auch Quellen für Definitionen von bestimmten Wörtern anführen, oder gehe ich davon aus, dass Wörter wie Eisenbahn, Koffer oder Blumentopf nachvollziehbar sind? Das klingt lächerlich, aber das ist ein Problem, wenn man wirklich exakt arbeiten möchte. Mir erscheint es zunächst einmal nur notwendig, Nachweise anzuführen, wenn sie ein unbekannteres Konzept besprechen. Und das liegt wiederum im eigenen Ermessen. Es gibt keine genaue Trennlinie zwischen einem bekannten und einem unbekannteren Konzept.

Andererseits erscheint es mir vollkommen selbstverständlich, Quellen anzuführen, wenn diese im Erkenntnisprozess beteiligt gewesen sind. Wenn ich die Principia Mathematica von Whitehead und Russel gelesen habe und mich dann in meiner Arbeit mit Problemen daraus beschäftige, dann ist für mich klar, dass ich das Werk auch erwähne. Wenn ich dann ein anderes Werk gelesen habe, dass mir bei meiner Problemlösung geholfen hat, dann würde ich auch dieses erwähnen. Darüber muss nicht gesprochen werden.

Allerdings scheint es heutzutage der wissenschaftliche Standard zu sein, zunächst alle gelesenen fremden Erfahrungen zu einem Thema aufzuschreiben, bevor man sich dann seinen eigenen Gedanken nähert. Und ich weiß nicht, ob das gezwungenermaßen sinnvoll ist, gerade wenn wir bedenken, welchen vielfältigen Variablen einzelne Thesen ausgesetzt sind. Dazu kommt eine Vervielfachung des Textvolumens, die einen Zugang zur Thematik weiterhin erschwert. Und letztendlich ist es nicht genau nachvollziehbar, welche Nachweise nun sinnvoll angebracht sind und welche nicht.

Daraus folgt für mich, dass es notwendig ist, Texte ohne Quellenangaben ebenfalls ernstzunehmen, aber ihre Bedeutung auf Ideenvorschläge zu reduzieren. Mit ihnen können wir arbeiten, wenn wir uns daran machen, eigene Untersuchungen in die Wege zu leiten. Diese Vorarbeiten sind für mich genauso wertvoll wie die entsprechenden Untersuchungen, weil sie gerade über ihre Freiheit zukünftige Forschungswege aufzeigen können.

Freitag, 8. Mai 2015

Darf über die Vergangenheit geweint werden?

Ich war nicht dabei. Ich bin in einem wiedervereinten, sich zwar gegenseitig argwöhnisch begutachtenden, aber dennoch freiheitsliebenden Deutschland aufgewachsen, ein Deutschland der Möglichkeiten. Ich führe ein Leben im Überfluss, besitze einen Computer, habe Zugriff zum Internet, muss nicht darüber nachdenken, wie ich mein Essen bezahle. Ich habe das unglaubliche Glück, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die nicht versteht, was Krieg bedeutet. Und trotz meiner Unwissenheit lehne ich Gewalt gegen Menschen in jeglicher Form ab. Wieso?

Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass ich die Vergangenheit nicht einfach beiseiteschieben kann. Viele Menschen leben im Jetzt und definieren sich über ihr aktuelles Umfeld. Ich kann das nicht. Ich sehe die Welt nicht im Jetzt, ich sehe sie als eine Folge von sich überschneidenden Prozessen. Und auch wenn ich einer der ersten bin, die eine umfangreiche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für unmöglich halten, weil eine solche Interpretation immer unvollständig sein wird, so ist die Vorstellung von sich gegenseitig beeinflussenden Prozessen dennoch hilfreich, um ein Verständnis für Veränderung aufzubauen.

Wenn wir zum Beispiel etwas in der Schule lernen, haben wir häufig das Gefühl, dass irgendjemand irgendwann einmal etwas herausgefunden hat und dieses Wissen nehmen wir eben in uns selbst auf und fertig. Es verändert sich nicht. Jedoch ist das, was uns beigebracht wird, vielmehr nur ein sehr, sehr kurzer Ausschnitt von tausenden Stunden des Herumprobierens. Und bereits in dem Moment, in dem wir damit konfrontiert werden, fängt es erneut an, sich durch fehlende Genauigkeit oder neue Informationen weiterzuentwickeln.

Doch was hat das mit Gewaltlosigkeit zu tun? Nun. Es ist die Vergegenwärtigung der Vergangenheit, die mich innerlich zerreißt. Wenn ich mein Glück der Vergangenheit gegenüberstelle, wird mir plötzlich bewusst, was wir jetzt haben und was niemals wieder passieren darf. Hört ihr das? Es darf niemals wieder passieren, dass wir Kriege führen. – Und es klingt so belanglos, wenn es jetzt so in Textform dasteht. Aber es ist nicht belanglos.

Wisst ihr, wir sind alle so abgestumpft. Durch Nachrichten, die uns bereits im Kindesalter Todesmeldungen in fremden Kriegen als Alltag verkaufen. Durch Politiker, die ihr Handeln mit dem Wohl des Landes, anstatt mit dem Wohl der Menschheit begründen. Wir hören jeden Tag irgendwelche Lügen und nehmen sie hin.

Doch wenn wir das erste Mal bewusst durch ein Geschichtsbuch blättern, wenn wir die Millionen von Toten nicht mehr als Zahl in einem Buch wahrnehmen, sondern als Menschen, die sich in keiner bedeutenden Weise von uns unterschieden haben und wenn wir verstehen, was es für Grausamkeiten gab und gibt, dann weine ich. Ich war nicht dabei, aber ich weine. Ich weine, weil ich dieses Leid nicht ertragen kann. Ich weiß nicht, ob das sinnvoll ist. Niemand kann diesen Menschen mehr helfen. Aber ich weiß, dass ich dieses Leid in der heutigen Zeit nicht mehr haben möchte.


Freitag, 1. Mai 2015

Was kommt nach der Arbeit?

Die Arbeit besitzt in unserer Gesellschaft einen unglaublich hohen Stellenwert. Sie steht für Unabhängigkeit, Verantwortung und Freiheit. Mit Arbeit ist man etwas. Mit Arbeit steuert man etwas bei, das dem Wohlergehen anderer Menschen dient. Wer keine Arbeit hat, weiß nichts mit sich anzufangen, nutzt andere Menschen aus, muss zur Arbeit erzogen werden. Niemand kann sich ihrem Einfluss erwehren, denn niemand kann es sich leisten in Armut zu leben.

Arbeit steht aber nicht nur für unser physisches Wohlergehen. Sie ist identitätsstiftend. Wenn wir versuchen, unseren Eltern nachzueifern, dann übernehmen wir ihre Fähigkeiten, ihre Äußerungen, ihren Beruf. Und sie sind stolz auf uns, weil wir ihr Leben weiterführen. Arbeit ist ein Band zwischen den Generationen.

Arbeit schafft aber auch ein Gefühl von Gebrauchtwerden. Man hat etwas zu tun, man weiß etwas mit sich anzufangen. Wer zu viel über sich selbst nachdenkt, der hat noch nie richtig gearbeitet. Alle Probleme lassen sich mit Arbeit lösen, denn Arbeit ist dazu da, unser Leben sinnvoll zu machen, es mit Spielzeug zu befüllen, unserem Nachwuchs das zu bieten, was wir selbst nie hatten.

Wen wundert es also, dass alles im Leben auf Arbeit ausgerichtet ist. Wenn wir im Kindergarten Sterne malen und die Erzieher davon sprechen, dass man Astronaut oder Wissenschaftler wird, als könne man sich nur dann für den Weltraum interessieren. Oder wenn man Spaß daran hat, Mathematikaufgaben zu lösen, und gleich von den Eltern darauf angesprochen wird, dass man doch eine Karriere als Bankier oder Fußballmanager in Betracht ziehen sollte.

Niemand hat mir gesagt, dass die Schule dazu da ist, mir etwas beizubringen. Ich dachte immer, dass sie dazu da wäre, dass ich später einen Beruf lerne, der mir Geld bringt. Ausbildungen sind lächerlich. Arbeitsjahre sind das, was zählt. So trieft es aus allen Spalten der verschiedensten Unternehmen. Man ist ein Nichts, wenn nicht nachgewiesen werden kann, dass man unglaubliches Leid ertragen hat.

Und während des Studiums wird man noch gefragt, was man denn damit anfangen kann, dass man Literaturwissenschaften oder Sprachwissenschaften studiert. Und damit meinen sie nicht, wie es anderen Menschen hilft oder wie man diese Fähigkeiten dazu nutzen kann, das Leben in irgendeiner Form erträglich zu machen, sondern sie fragen, weil sie sich die Sicherheit einer gut bezahlten Arbeit ersehnen. Weil sie davon ausgehen, dass das Geld ihnen die Möglichkeit gibt, sicher zu leben.

Und unsere Gesellschaft wird zwar immer schneller und schneller, aber wir denken, dass Arbeit immer genau das sein wird, wie wir es gerade erleben. Wir denken, wir müssten einen Teil unseres Lebens mit Tätigkeiten zubringen, die wir für andere tun müssen, weil wir sonst nicht an den schönen Erlebnissen teilhaben können, die uns die Gesellschaft bietet. Wir sind so sehr dieser Vorstellung aufgesessen, dass wir vergessen, dass Arbeit grundsätzlich nur dazu da ist, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Sie war in ihrer bisherigen Ausprägung die beste Möglichkeit dafür.

Doch mit jeder Erfindung, jeder Optimierung, jeder Automatisierung machen wir unsere Arbeit ein Stück weit überflüssiger. Und das ist auch gut so, denn niemand sollte in seinem Leben dazu gezwungen werden, etwas tun zu müssen. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass er sonst auch niemandem schadet. Arbeit wird dann zu einer Tätigkeit, die wir wirklich für uns selbst tun. Wir können lernen und forschen oder nichts tun oder doch lesen oder hin und wieder reisen. Es ist uns überlassen, wie wir unser Leben gestalten.

Doch dafür ist heutzutage noch kein Platz. Heutzutage ist das Nachdenken über Arbeit wichtiger als das Nachdenken darüber, was man für ein Mensch sein möchte. Und all diejenigen, die das gut finden und für unvermeidbar halten, sollten sich fragen, ob sie sich das wirklich wünschen und ob es wirklich so unvermeidbar ist.

Es geht hier nicht um Illusionen, sondern es geht um unsere Zukunft. Jeder Wirtschaftszweig wird irgendwann einmal mit Robotern konfrontiert werden, die die bisher vom Menschen geleistete Arbeit ersetzen werden. Gleichzeitig steigt unser Lebensstandard. Jeder, der heute in den Supermarkt geht, um sich Bananen zu kaufen, lebt so gut wie ein König noch vor ein paar Hundert Jahren. Wahrscheinlich sehr viel besser. Das, was uns allerdings meiner Ansicht nach heutzutage zurückhält, sind unsere eigenen Ängste. Ängste, die dazu führen, dass wir Arbeit in ihrer jetzigen Form überbewerten, weil wir eben Angst davor haben, etwas mit unserem Leben ohne sie anzufangen.

Also: Was kommt nach der Arbeit?

Freitag, 24. April 2015

Warum ich keinen Alkohol trinke.

Das ist für mich eine schwierige Frage, weil der soziale Nutzen, den Alkohol auf Beziehungen und gesellschaftliche Akzeptanz hat, einer der besten Gründe ist, sofort damit anzufangen. Außerdem sind die negativen Folgen überschaubar, und das Suchtpotenzial spielt für mich sowieso keine Rolle. Also warum verzichte ich dennoch so komplett auf Alkohol?

Ich glaube, mein bestes Argument ist folgendes: Für mich ist das Angetrunkensein heutzutage mehr oder weniger wie Karneval, ein gewolltes Verstelltsein, um gesellschaftlich tabuisiertes Verhalten ausleben zu können und dafür nicht zur Verantwortung gezogen zu werden. Ich möchte das jedoch nicht. Ich möchte, dass Menschen ihre Gefühle und Wünsche nicht unterdrücken müssen und diese dann nur ausleben, wenn sie davon ausgehen können, dass sie dafür nicht bestraft werden.

Für mich ist das eine Form der Verdrängung. Und Alkohol ist der gesellschaftlich akzeptierte Umgang mit diesem Problem. Anstatt sich intensiver mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, seine Bedürfnisse zu hinterfragen und sich nicht dafür zu schämen, dass man so ist, wie man sich fühlt, schaffen wir als Gesellschaft lieber verschiedene Anonymisierungen in Form von dunklen Tanzclubs, in denen wir uns nicht erkennen, einen Alkoholgenuss, damit wir für alles zugänglicher werden und laute Musik, um uns in dieser Situation nicht zu langweilen.

Als Menschen schämen wir uns für so vieles. Und ich glaube, das ist der Grund, warum ich keinen Alkohol trinke: Ich möchte mit mir selbst im Einklang stehen. Und wenn ich mich, während ich betrunken bin, mehr trauen würde, dann würde ich unzufrieden mit mir selbst sein, weil ich etwas in mir unterdrücke, das zu mir gehört und mit dem ich mich bisher nicht auseinandergesetzt habe. Aber wenn ich nun einmal, weil ich zufrieden bin, eben nichts anderes als sonst auch tun würde, dann brauche ich dementsprechend auch keinen Alkohol.

Wenn ich mir das so durchlese, dann klingt das jetzt äußerst vorwurfsvoll gegenüber allen Menschen, die Alkohol trinken, weil es halt Spaß macht und die Situation auflockert und cool ist und so. Und das möchte ich auch nicht. Menschen sollen Spaß haben und glücklich sein! Ich habe nur für mich festgestellt, dass ich das bei Alkohol nicht so empfinde.

Donnerstag, 16. April 2015

Absichten

Können Absichten den Grund für eine Handlung offenbaren? Auf der einen Seite haben wir die Überzeugung, dass Menschen rationale Entscheidungen aufgrund von vorgelegten Informationen treffen. Sie wägen zwischen verschiedenen Möglichkeiten ab und zeigen, dass ihre Vorstellungen an einen gewissen Zweck gebunden sind, den sie zu erreichen gedenken. Zum Beispiel: Ich treibe Sport, weil ich gemerkt habe, dass es mir gut tut. Auf der anderen Seite steht die Überzeugung, dass die Begriffe Absicht und Zweck lediglich eine Geschichte erzählen, mit der wir uns gut fühlen können. Wir können uns zwar scheinbar selbst erklären, warum wir in bestimmten Momenten auf eine bestimmte Weise gehandelt haben, aber wir wissen nicht, ob diese Erklärungen zutreffend sind. Gleiches Beispiel: Ich treibe vielleicht nicht so sehr Sport, weil ich als Mensch zu der Überzeugung gekommen bin, dass es mir gut tut, sondern eher weil mein Unterbewusstsein die Zwänge der Gesellschaft spürt, dass ich sonst als faul wahrgenommen werde und mich deshalb dazu anleitet, auf den Stepper zu steigen.

Beide Varianten erscheinen zunächst einmal logisch. Bei beiden Varianten erscheint es mir allerdings so, dass außer Acht gelassen wird, aus welchem Grund wir überhaupt erklären wollen, warum wir handeln. Meiner Ansicht nach können wir jedoch nicht feststellen, ob eine Methode ihr Ziel erreicht hat, wenn wir nicht wissen, was überhaupt erreicht werden sollte. Geht es darum, die Frage nach dem Handlungsgrund zu stellen, weil wir wissen wollen, was wir uns selbst erzählen? Ich fühle mich gut, weil ich einem Ziel näher gekommen bin. Oder geht es darum, zu erklären, warum wir als Menschen bestimmte grundlegende Neigungen besitzen? Ich fühle mich gut, weil ich eben als menschliches Wesen überhaupt in der Lage dazu bin, Glück zu empfinden, weil ich die körperlichen Voraussetzungen dazu habe, weil sich bestimmte Prozesse in mir abspielen, die mich dazu bringen, mich so zu verhalten.

Für mich erschließen beide Vorstellungen jeweils einen eigenen Weg, um einen Aspekt eines wiederum übergeordneten Ziels zu beleuchten. Was jedoch dieses Ziel sein soll, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Biologisch gesehen könnten wir argumentieren, dass wir den Grund unserer Handlungen deshalb erklären wollen, weil uns die Informationen dabei helfen, entweder ein ausgeglicheneres oder ein sicheres Leben zu führen, sodass wir letztendlich länger überleben. Auf der anderen Seite könnten wir wiederum rational argumentieren, wenn es uns darum geht, ein glückliches Leben zu führen, das entweder durch ein besseres Selbst- oder wiederum durch ein besseres Allgemeinverständnis geprägt ist.

Beide Zielargumentationen erscheinen mir gleichberechtigt, sie haben aber unterschiedlichen praktischen Nutzen. Wenn wir erklären wollen, wie wir als Menschen in die Natur hineinpassen, wie wir mit dieser interagieren, eben weil wir uns davon erhoffen, mehr darüber zu erfahren, welche Wirkung die Natur auf uns hat und wie wir diese Wirkung möglicherweise beeinflussen können, dann lohnt sich wahrscheinlich eher eine biologische Argumentation, die wiederum eine auf grundlegende Neigungen abzielende Erklärung in den Vordergrund setzt, da diese im Vergleich zum Individuum mehr Relevanz für die Allgemeinheit besitzt. Wer so argumentiert, kann erklären, wie wir die Natur beeinflussen können, um uns selbst zu beeinflussen. Wenn wir auf der anderen Seite jedoch erklären wollen, warum wir zufrieden mit uns selbst sind, warum wir uns als Individuen glücklich fühlen, dann lohnt sich eher die auf das rationale Denken ausgerichtete Zielargumentation, die wiederum eine zweck- oder zielorientierte Erklärung in den Vordergrund setzt, jedoch wenig Raum für wissenschaftliche Erkenntnisse lässt, da diese in diesem Fall für die Erklärung von persönlichen Entscheidungen keine Rolle spielen. Es wäre einfach überflüssig, zu erklären, welche physikalischen Prozesse darauf Einfluss haben, dass ich etwas esse, wenn ich meine Handlung wesentlich einfacher erklären kann, indem ich sage, dass ich hungrig gewesen bin und das wiederum der Antrieb für meine Handlung gewesen ist.

Meiner Ansicht nach ist es aber nur überflüssig, diese Prozesse zu erklären, wenn es uns darum geht, unser eigenes Wohlbefinden in den Vordergrund zu stellen. Denn das physikalische, chemische, biologische, psychologische oder soziale Prozesse Einfluss auf unser Handeln haben, dürfte schwierig zu bezweifeln sein. Wenn man jedoch davon überzeugt ist, dass Wahrheit sich nur darüber ergeben kann, unsere eigene Interaktion mit der Natur zu offenbaren, weil nur das Wissen über die konkreten Prozesse innerhalb dieser Interaktion uns die Möglichkeit gibt, uns umfangreicher selbst zu verstehen, dann erscheint eine zweck- oder zielorientierte Erklärung als zu kurz: Warum isst du den Salat? Warum möchtest du dich etwas leichter ernähren? Warum möchtest du dich gesund ernähren? Warum möchtest du am Leben bleiben? Warum sind Menschen so ausgestattet? Warum hat die Natur diesen Zustand herbeigeführt? Warum funktioniert das Universum so? Eine Frage nach dem eigenen Handeln endet meiner Ansicht nach immer in einer Frage nach der Beschaffenheit aller Lebewesen, was eine biologische Argumentation weitreichender und damit wahrhafter erscheinen lässt.

Wenn einem jedoch Gesundheit oder Sicherheit als Grundkonzept des Lebens als Erklärungsmuster genügt, dem erscheint meiner Ansicht nach eine rationale Argumentation als wesentlich dienlicher, da diese weniger Umwege machen muss, um zu Ergebnissen zu kommen. Sie ist schneller und stärker im Alltag angesiedelt. Zum Beispiel: Ich esse Schokolade, weil ich weiß, dass es mir dann besser geht, weil es mir gerade schlecht geht, weil du nicht bei mir bist. Wenn das als Erklärung ausreicht, dann ist es vollkommen nachvollziehbar, jegliche übermäßig naturwissenschaftliche Auswertung dieser Situation als sinnlos und nicht zielführend abzulehnen, denn die Erkenntnisse die sie uns bringt, lassen sich nicht ohne Weiteres in eine Sprache rückübersetzen, die uns mehr als das, was uns das Rationale bereits mitgeteilt hat, sagen kann.

Was hier meiner Meinung nach jedoch vergessen wird, ist die Möglichkeit über den Tellerrand hinaus zu blicken und Möglichkeiten auszuspähen, sich besser selbst zu reflektieren. Ich bin möglicherweise traurig, weil du nicht da bist und deshalb esse ich Schokolade. Aber ich weiß durch mein psychologisches Fachwissen gleichzeitig auch, dass das ein menschliches Gefühl ist, dass mich am Leben erhält, weil wir als Menschen ein unglaublich stark ausgeprägtes soziales Bewusstsein besitzen. Und mit diesem Wissen, muss ich jetzt zum Beispiel keine Schokolade mehr in mich hineinstopfen, eben weil ich mir möglicherweise bewusst machen kann, dass Traurigkeit zur Interaktion zwischen Mensch und Natur dazugehört und ich mich ihren Zwängen nicht so hingeben muss, wie es mir im ersten Moment erschienen ist.

Ich habe das Gefühl, dass beide Seiten aneinander vorbeireden, weil nicht darüber reflektiert wird, was man überhaupt aus welchem Grund tut. Und das halte ich für ein wenig lustig, da beide Ansätze darüber argumentieren, welches Erklärungsverfahren besser darin ist, Gründe zu erklären. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass beide Verfahren ihren Nutzen besitzen und sich in der Beschreibung der Wirklichkeit ergänzen können, je nach Angemessenheit bzw. Erklärungsbedarf, dann kann diese Diskussion möglicherweise abgeschlossen werden, ohne das Köpfe rollen müssen.

Dienstag, 7. April 2015

Wenn zwei Züge sich treffen

Ich lerne für mein Leben gern. Doch es ist noch gar nicht so lange her, dass dieses Verhalten für mich nicht so selbstverständlich gewesen ist. Früher war ich eher der Auffassung, dass das Lernen nur eine vorübergehende Unannehmlichkeit darstellt. Ich lerne eben für die Schule und dann werde ich Schriftsteller oder Programmierer oder Regisseur. Dann brauche ich das alles nicht mehr und kann mich meinem kreativen Umfeld widmen. Keine Wasserstoffbrückenbindungen mehr, kein DNA-Aufbau, nicht einmal die Gesetze der Thermodynamik. Alles überflüssig.

Denn wenn wir mal ehrlich sind, wozu lernen wir das alles? Wie häufig stellt man sich diese Frage in Mathematik, wenn es darum geht, Extremwertfunktionen zu lösen. Ist es wirklich so alltäglich, dass wir Wachstumsfunktionen von irgendwelchen Zellhaufen bestimmen? Oder sitzen wir nicht viel wahrscheinlicher in einem Großraumbüro und tippen Zahlen in eine vom IT-Typen vorgefertigte Excel-Tabelle ein? Müssen wir wissen, wie Atome in ihrem Innersten aufgebaut sind, wenn unser Anspruch darin besteht, die Werkstatt unseres Vaters zu übernehmen oder Fotografie zu studieren?

Nein. Niemand muss etwas lernen, wenn er etwas anderes mit seinem Leben anfangen möchte, wenn es ihm nicht bei den Dingen weiterhilft, die er zu erreichen gedenkt. Nur muss sich diese Person gleichzeitig darauf einstellen, dass sie an einer Vielzahl von Diskussionen nicht mehr teilnehmen kann. Denn wer nicht versteht, welche Folgen eintreten können, der kann auch keine überlegten Entscheidungen treffen. Gleichzeitig entgeht der Person die Schönheit, die Wissen mit sich bringen kann: Zu verstehen, wie die Kräfte des Universums, die Wirklichkeit jedes einzelnen Sternes unseres Nachthimmels, jedes einzelnen Sandkornes unserer Erde, jedes Atoms in uns selbst geformt haben. Für jemanden, der nicht daran interessiert ist, sich mit den Möglichkeiten des Universums vertraut zu machen, hängen dort oben nur ein paar glitzernde Punkte. Für alle anderen ist es unser Ursprung, unsere Bestimmung.

Wer lernt, hat mehr Möglichkeiten, auf eine Weise zu leben, die er sich jetzt noch nicht einmal vorstellen kann. Wer lernt, kann sich aussuchen, wohin er gehen möchte und es bereitet ihn auf die Schwierigkeiten vor, die ihm das Leben entgegenwirft. Wer lernt, versteht die Schwächen und Stärken der Menschen um sich herum. Nur kann eben niemand vorausahnen, wie einen das Neue verändert. Man kann nur lernen und darüber reflektieren. Man kann nur auf sich selbst aufpassen und das Leben mit jeder Kleinigkeit ein bisschen besser nachvollziehen. Das ist die Leistung des Lernens.

Wenn zwei Züge sich treffen, dann geht es nicht darum, die Zeit zu messen. Es geht darum, dass die Züge sich überhaupt bewegen, es geht darum, dass es überhaupt möglich ist, als Mensch zu verstehen, dass es so etwas wie Zeit gibt, dass wir sie nutzen können, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Wenn zwei Züge sich zu einer bestimmten Zeit treffen, dann zeugt dieses Ereignis davon, dass wir als Menschen in der Lage dazu sind, durch unser Lernen alles herauszufinden.

Durch mein endloses Nachdenken habe ich mich schon immer für viele Dinge interessiert. Aber letztendlich habe ich mich erst intensiver mit dem Lernen beschäftigt, als mir ein Mädchen aufgezeigt hat, was Naturwissenschaften so vielschichtig macht, wie alles ineinander aufgeht, wie die Einzelteile abstrahiert werden können, um Systeme zu bilden, die von den gleichen Kräften zusammengehalten werden, die unser Universum erschaffen haben. Das hat mich damals fasziniert und das fasziniert mich noch heute. Und wahrscheinlich wird es das sein, was mich mein Leben über begleiten wird: die Faszination für das Neue, das Unberechenbare, das Schöne.