Freitag, 18. September 2015

Zum besseren Miteinander

Die Aufbereitung der Flüchtlingsproblematik in den Medien hat erstmals mein Wohlwollen gegenüber politischen Themen gebrochen. Zwar war dieses bereits durch die ganzen Selbstbeweihräucherungen in Bezug auf den Mauerfall angekratzt. Aber das hat mich nie so sehr enttäuscht wie das, was sich gerade eben abspielt.

Konflikte sind für diese Welt sicherlich nichts Besonderes. Unser Geschichtsunterricht strotzt nur so vor Kriegen. Allein das 20. Jahrhundert hat mehr Unheil hervorgebracht, als dass man Zeit in einem Leben hätte, es zu verarbeiten. Und dennoch bin ich immer davon ausgegangen, dass es möglich sein müsste, einander dennoch zu verzeihen und Lösungen zu finden.

Ich bin davon ausgegangen, dass sich Menschen nur mehr für Politik, für ihre Umgebung, für das Miteinander interessieren müssten und dann würde das schon alles gut werden. Doch ich denke jetzt, dass ich in dieser Beziehung falsch gelegen habe. Es reicht anscheinend nicht aus, sich nur mit politischen Problemen zu befassen, sondern es muss sich ein Mitgefühl für alle Menschen einstellen, nicht nur für die, die es offenbar verdient haben.

Ansonsten passiert wahrscheinlich das, was wir jetzt beobachten können: Es kommt zu einer Radikalisierung von Überzeugungen. Menschen wollen, dass es den Menschen in ihrer Umgebung gut geht, nicht aber unbedingt den Menschen, die anders denken als sie selbst. Und das Unangenehmste daran ist meiner Ansicht nach der Umgang der Medien damit.

Während einige sich darauf konzentrieren, Schritt für Schritt zu protokollieren, welche politischen Entscheidungen getroffen werden und welche Strömungen, sich wie verhalten, versuchen andere Medien sich stärker zu positionieren und damit eine Vorbildfunktion einzunehmen. Und was in der Theorie alles sehr gut klingt, führt meines Erachtens zu einem Auseinanderdriften.

Wenn wir eine Gesellschaft aufbauen, in der wir Menschen aufgrund von anderen Überzeugungen ausgrenzen, dann untergraben wir die Grundsätze, auf die wir uns geeinigt haben. "Nazis raus" ist ein schöner Spruch für das erste Mal, wenn man mit diskriminierenden Tendenzen in Kontakt kommt und sich fragt, wie man selbst zu diesem Gedankengut steht. Er hilft aber nicht dabei, eine Gesellschaft aufzubauen, in der wir Erfahrungen machen, die allen dabei helfen sollen, toleranter und rücksichtsvoller zu werden.

Ausgrenzungen helfen nur dabei, dass Menschen, die sich im rechten Spektrum befinden, sich noch mehr dem rechten Spektrum zuwenden. Und egal, wie bescheuert und wie diskriminierend diese Menschen auch sein mögen, wenn wir aufhören, uns mit ihnen zu unterhalten, unterstützen wir nur die Gewalt, die sich aus diesem Gedankengut entwickelt. Weil wohin sollen sie denn gehen? Was würdest du machen, wenn die Gesellschaft dich ächtet und sich deine einzigen Freunde im rechten Spektrum befinden? Würdest du dir neue Freunde suchen, oder würdest du dich nicht eher damit arrangieren, dass du und deine Freunde eben ab jetzt anders behandelt werden.

Unsere Gesellschaft muss stark genug sein, solche Dinge zu ertragen und sich mit Argumenten gegen sie zu wehren. Und wo keine Argumente gefunden werden können, muss mehr geredet und nachgedacht werden. Und wo kein Nachdenken mehr hilft, müssen Schutz, Unterstützung und Mitgefühl bei den Opfern ausreichen. Wir können nicht alles verhindern. Wir können aber eine Gesellschaft schaffen, die sich darüber definiert, besser zu werden. Und zwar nicht dadurch, dass wir alle, die nicht das gleiche wie wir denken, ausschließen und verachten, sondern ihnen zuhören und sie auf andere Denkmöglichkeiten hinweisen.

Wenn wir das verlernen, dann müssen wir uns nicht darüber wundern, wenn wir plötzlich in einer Gesellschaft leben, die ihre Prinzipien aufgibt. Je suis Charlie. Und genau davor habe ich Angst: Dass wir uns für so gut halten, dass wir anderen nicht mehr zuhören. Ja, es gar nicht müssen, weil wir ja die Guten sind, die wissen, wie wir uns zu verhalten haben. Na ja, jedenfalls bis zu dem Punkt, wo wir mit Situationen konfrontiert werden, die sich eben nicht mehr leicht auflösen lassen. Ich möchte, dass wir darüber nachdenken. Ich möchte, dass wir darüber nachdenken, was wir tun können, damit wir alle besser zusammenleben, nicht nur diejenigen, die wir für rettenswert halten.

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